„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Wenn dieses Zitat aus Goethes „Faust“ jemals seine Berechtigung hatte, dann im Zusammenhang mit den Kulturprogrammen, die den in der Festung Theresienstadt zusammengepferchten Juden von der Lagerleitung befohlen wurden. Ihr eigentlicher Zweck war es, die mörderischen Zustände, die in Terezin herrschten, vor der Öffentlichkeit verschleiern zu können. „Was wollt ihr denn?“, wollte die SS misstrauischen Nachfragern antworten können, den Leuten hier geht es doch blendend! Sie halten Vorträge, sie spielen Theater – und sie machen Musik.“

Was die zynischen Beherrscher dieser menschengemachten Hölle nicht verstanden, und wohl aus ihrem rassistischen Weltbild heraus auch nicht verstehen konnten, war die Tatsache, dass diese Vorträge, diese Theateraufführungen und vor allem auch diese Konzerte den Häftlingen Kraft gaben, dass sie ihre Moral stärkten und ihnen die Hoffnung vermittelten, dass es über die Unterdrückung und den Hunger des Lagers hinaus noch höhere Werte geben konnte, Werte, die auch Gewalt und Schläge nicht zerstören konnten.

Theresienstadt war – unter anderem – auch ein Lager für Prominente, ein Ort, an dem sich berühmte Leute „aufbewahren“ liessen, solang die Gefahr bestand, dass jemand sich nach ihnen erkundigen könnte. (Der berüchtigte Theresienstadt-Film, der unter dem falschen Namen „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ in die Geschichte eingehen sollte, hatte unter anderem auch den Zweck im Bild zu beweisen, dass es diesen Menschen gut ging – um sie umso ungestörter ermorden zu können.) Theresienstadt war also voller bekannter Schauspieler, Regisseur und Musiker, darunter auch einige hochbegabte Komponisten.

Von den vielen Werken, die unter unvorstellbar grausamen Bedingungen entstanden, sticht die Kinderoper „Brundibar“ von Hans Krása hervor, deren gesamtes Ensemble in corpore in die Gaskammern von Auschwitz verschickt wurde. Der Lagerleiter hatte einem Vertreter des Roten Kreuzes versprochen, die Gruppe nie zu trennen, und er hielt sein Wort auf seine Weise. Aber musiziert und gesungen wurde überall. So inszenierte der berühmte Regisseur Kurt Gerron auf einem Dachboden Bizets „Carmen“, ohne Orchester und ohne Noten, nur von einem Pianisten begleitet.

Manche Details des Musiklebens sind so makaber, dass man sie fast nicht glauben mag. So soll der Komponist Viktor Ullmann, der im Lager mit dem von ihm gegründeten „Studio für Neue Musik“ für das Primat der Kultur über die Menschenverachtung kämpfte, seine Noten auf die Rückseite von Deportationslisten geschrieben haben, auf denen die Namen der nach Auschwitz zu deportierenden Opfer verzeichnet waren.

Die meisten der in Theresienstadt tätigen Künstler wurden von den Nazis ermordet. In ihren Werken leben sie bis heute weiter.

Einleitungswort zum Programmheft von Charles Lewinsky © 2014